• #Grönland: Zwischen Walen, Eisbergen und Gletschern

    Kurz vor der Küste Nordkanadas liegt die größte Insel dieser Welt - bedeckt zum größten Teil mit einem bis zu 3 km dicken Eispanzer und nur an ihren äußersten Rändern überhaupt bewohnbar und auch dort ist der Sommer kurz und der Winter lang, dunkel und kalt.
Der Weg in die arktische Abgeschiedenheit ist lang und für heutige Verhältnisse geradezu beschwerlich. Grönland mit seinen etwa 55.000 Einwohnern hat genau einen Flugplatz, der für größeren Maschinen ansteuerbar ist, alle anderen sind nur von sehr kleinen Flugzeugen nutzbar. Von Europa aus gibt es daher zwei Möglichkeiten um nach Grönland zu kommen: entweder man fliegt von Kopenhagen oder aber nimmt einen Umweg über Island in Kauf. Wir entscheiden uns für letztere Variante und besteigen an einem sonnigen Tag in Berlin den Flieger nach Reykjavík.


Angeblich sollen seit der Pleite der Billig-Airline „Wow Air“ die Touristenzahlen in Island eingebrochen sein, davon merken wir bei unserer Ankunft jedoch nicht so viel. Die Touristen schieben sich in Scharen durch die Gänge des Flughafens zu den Schaltern der großen Auto-Vermietungsfirmen, um Ihren fahrbaren Untersatz für ihre Zeit in Island abzuholen. Wir haben genau 30 Stunden Zeit, bevor es am kommenden Tag am späten Abend mit Greenland Air nach Ilulissat geht. Das vierte Mal sind wir schon im wunderbaren Island, jedoch das erste Mal im Sommer. Und so fahren wir kreuz und quer durchs Land auf der Suche nach unbekannten Wasserfälle, einsamen Stränden und bizarren Steilküsten. Wie im Fluge vergeht die Zeit in Island und wir müssen bald schon wieder das Auto abgeben um unseren Flieger in Keflavík zu bekommen.










Beim Einchecken nach Ilulissat, an die Westküste Grönlands, werden wir darauf hingewiesen, dass wir ob der Größe der Maschine keine Sitzplätze zugewiesen bekommen (Zitat der Dame: „It’s more like a bus.“). Und Sie hatte auf ihre eigene Art tatsächlich Recht. Der kleine Flieger hat gerade mal für 35 Personen Platz. Nach einem dreistündigen Flug landen wir um ca 1:00 Uhr endlich in Ilulissat. Im abendlichen (oder ist das schon wieder das morgendliche?) Dämmerlicht fahren wir mit dem Taxi vom Flughafen zu unseren Unterkunft mit direktem Blick auf die Disko-Bucht, gespickt mit zahlreichen Eisbergen - ein atemberaubender erster Eindruck dieses an Naturwundern so reichen Landes.
Am nächste Morgen erkunden wir zuerst ein wenig den Ort, der zwar ziemlich klein ist, dennoch aber alle Annehmlichkeiten einer großen Stadt bietet. Supermärkte, Restaurants und Cafés gibt es einige und dennoch bleibt der Kleinstadt-Charme erhalten - das ändert sich nur, wenn vor dem Ort ein oder sogar zwei Kreuzfahrtschiffe Halt machen: dann ergießen sich Menschenmassen in gleichen Daunenjacken in die kleine Ortschaft und sorgen für ein sehr skurriles Bild. Dies bleibt uns am ersten Tag jedoch erst einmal erspart. Auffällig bei unseren ersten Spaziergängen sind drei Dinge: in den meisten Vorgärten steht neben einem Auto noch ein Schneemobil oder Hundeschlitten, die im Winter das bevorzugte Verkehrsmittel sind, überall stehen oder liegen Euro-Paletten rum und werden für sehr unterschiedliche Zwecke genutzt - offensichtlich scheint es hier keinen Mangel an diesen Dingern zu geben und drittens hört man überall das Gejaule der Schlittenhunde, die an den Rändern Ilulissats auf ihren Einsatz im nächsten Winter warten.
  • Hinter dem alten Hubschrauberlandeplatz vorbei liegt der Kangia-Eisfjord

    Highlight der Region und gleichzeitig UNESCO-Weltnaturerbe. Der Fjord erstreckt sich über eine Länge von 40 km und ist 7 km breit. Als solcher ist er jedoch gar nicht zu erkennen, da das Wasser auf Grund der riesigen Mengen an Eisbergen nur an wenigen Stellen durchschimmert.
Die Eisberge stammen vom Sermeq Kujalleq, einem Gletscher, der riesige Eisberge in den Fjord spuckt und die nach 12-15 Monaten das offene Meer erreichen. Dort können sie auf Grund einer Moräne auf dem Meeresgrund jedoch nicht abfließen und bleiben solange dort hängen und stauen die nachkommenden Berge auf, bis der Druck zu groß wird, kleine Teile abbrechen und von der Strömung der Davidstraße nach Süden transportiert werden. Es gilt wohl als ziemlich sicher, dass die Titanic mit einem Eisberg aus dem Kangia-Eisfjord zusammenstieß. Der Blick über diese Eiswüste ist majestätisch. Wir nehmen den „blauen Weg“ und wandern noch eine ganze Weile an der Küste des Fjords entlang bis wir an einer kleine Lagune zurück nach Ilulissat aufbrechen.










Bevor wir am nächsten Morgen nach Oqaatsut fahren, beobachten wir am Abend aber noch einmal die Wale in der Bucht vor Ilulissat. Dazu braucht man nicht einmal mit dem Boot aufs Wasser fahren, es reicht sich einfach auf die Felsen am Ufer zu setzen und den Buckelwalen beim Abendbrot zuzuschauen - Wahnsinn!








Am frühen Morgen des nächsten Tages bringt uns ein kleines Boot nach Oqaatsut, einem kleinen Dorf nördlich von Ilulissat, das vor allem vom Fisch- und Walfang lebt. Es gibt ein Hotel, ein Café und für 26 Einwohner sogar einen Supermarkt. Das - so haben wir gelernt - ist gesetzlich verpflichtend. Jede offizielle Siedlung hat ihren eigenen kleinen Supermarkt, der eigentlich alles anbietet, was man und frau so benötigt.






Uns steht eine 25 km lange Wanderung zurück nach Ilulissat bevor, immer entlang der Küstenlinie - den ganzen Tag kommen uns nur sehr wenige Menschen entgegen, dafür sehen wir Wale, Eisberge und fantastische arktische Natur. Auf dem gesamten Weg umgibt uns eine fast schon gespenstische Ruhe, kein Geräusch, kein Wind, nur den Blas der Wale aus der Ferne hören wir in regelmäßigen Abständen. Als wir endlich den Flughafen von Ilulissat sehen, wissen wir, dass wir es fast geschafft haben.
  • Am Abend fahren wir mit dem Boot direkt in den Eisfjord zwischen die riesigen Eisberge hinein

    Dabei lernen viel über die Natur, die Menschen und das Eis und sehen sogar ein paar Robben, die den Robbenjäger, deren Schüsse wir immer wieder gehört haben, wohl entkommen konnten. Stets begleitet vom weit hörbaren Atmen der Wale.
David, unser Guide mit Friedrich-Engels-Bart, erzählt uns dabei viel über die Natur und die Geologie des Fjordes. Das ist sehr schön, man fragt sich aber dennoch an der einen oder anderen Stelle, ob nicht die Grönländer aus Ilulissat viel eindrücklicher von ihrer Heimat berichten könnten als ein dänischer Nomade der Tourismusindustrie, der im Sommer hier und im Winter an anderer Stelle Touristen umher kutschiert. Diese Gedanken verfliegen aber spätestens als vor uns eine Gruppe von Robben auftaucht, die den Robbenjäger, deren Schüsse wir immer wieder gehört haben, wohl entkommen konnten und die Sonne dabei das Eis in kitschiges Pink taucht. Nach einem heißen Getränk an Bord zieht langsam immer dichterer Nebel auf und wir fahren zurück in den Hafen von Ilulissat, um nicht das gleiche Schicksal wie der Titanic zu ereilen.










Nach einer kurzen Nacht besteigen wir am Morgen das Boot und fahren gen Norden - zum Eqi Gletscher. Der Eqi mündet ca. 80 km nördlich von Ilulissat in den Ozean und bildet dabei eine bis zu 80 Meter hohe Wand aus Eis, an der von Zeit zu Zeit immer wieder riesige Brocke unter lautem Getöse ins Meer stürzen. Direkt an diesem Fjord beziehen wir für die nächste Nacht eine kleine Hütte mit einem fabelhaften Ausblick auf die Eiswand. Der Abendhimmel wechselt an diesem Tag seine Farbe unendliche Male und taucht den Eqi in verschiedenste Farbschattierungen. Am nächsten Tag wandern wir noch einmal direkt zur Gletscherzunge und kommen dem Eis bis auf wenige Meter nah bevor wir schon wieder das Boot zurück nach Ilulissat nehmen müssen.














Wir verbringen die Nacht wieder in Ilulissat und besteigen am kommenden Morgen ein Boot der Disko-Line, die im Sommer die kleinen Orte der Bucht untereinander verbindet, und fahren in vier Stunden nach Qeqertarsuaq, dem einzigen wirklichen Ort auf der Diskoinsel - übersetzt: große Insel. Dort angekommen, können wir nicht nur wieder zahlreiche Wale beobachten, sondern erwandern uns auch Wasserfälle, einsame Strände und grandiose Ausblicke auf die rotbraunen Tafelberge der Insel und bestaunen kleine bunte Häuschen vor großen weißen Eisbergen.













Zurück in Ilulissat haben wir noch einige wenige Stunden Zeit bevor wir die „Sarfaq Ittuk“ besteigen, unser Boot, das uns in die grönländische Hauptstadt, nach Nuuk bringen wird. Die Zeit nutzen wir um noch einmal zum Eisfjord zu wandern und die Sonne zu genießen, bevor wir unter lautem Jubel und Feuerwerk den Hafen von Ilulissat gen Süden verlassen.
Vorbei an der Mündung des Eisfjords geht’s die Küste entlang nach Süden, mit Stops in fast jeder Siedlung, die ohne dieses Boot nicht erreichbar wären. Das Schiff ist zwar kein Kreuzfahrtschiff, es erinnert vielmehr an eine Ostseefähre, bietet dennoch viele Annehmlichkeiten: leckeres Essen, private Kabine und natürlich die atemberaubenden Aussicht auf die grönländische Küste. In den kleinen Orten haben wir eine halbe Stunde Aufenthalt und in den größeren, wie bspw. in Sisimiut, haben wir sogar zwei Stunden Zeit die Gegend zu erkunden - nicht selten gemeinsam mit riesigen Gruppen von Kreuzfahrttouristen in ihren identisch farbigen Anoraks.












Am Morgen des dritten Tages fahren wir in den Hafen von Nuuk ein, wir nehmen ein Taxi zu unserem kleinen Häuschen mit Blick auf den Fjord und erkunden die Stadt: den ehemaligen Kolonialhafen, das Haus von Hans Egede, der die dänische Kolonisation des Landes einläutete und natürlich auch das neue von „Hochhäusern“ und Shoppingmalls geprägte Viertel der Stadt. Denn obwohl Nuuk nur 18.000 Einwohner hat und damit eher einer Kleinstadt gleicht, ist das im grönländischen Verhältnis gigantisch groß - hier gibt es tatsächlich alles, was es für eine Hauptstadt braucht: Theater, Universität, Parlament, Ministerien und Botschaften - und das alles vor der unglaublichen Kulisse der umgebenden Fjordlandschaft, die wir am kommenden Tag bei unserer Wanderung auf den Nuuker Hausberg, dem Ukkusissat, aus der Höhe noch viel besser genießen können.








Bevor wir uns wieder zurück ins Flugzeug nach Island setzen, geht es für uns erst einmal noch mit dem Flieger zurück nach Ilulissat - wegen der sogenannten Wetterschleife! Falls das Wetter also die ersten Tage in Ilulissat schlecht gewesen wäre, dann hätte man nun noch einmal die Chance auf gutes Wetter. Wir hatten auch in den ersten Tagen schon gutes Wetter in Ilulissat, dennoch ist es schön noch einmal zurück in die Diskobucht zu fahren und dort noch einmal zum Eisfjord zu wandern, den Walen beim Abendbrot zuzusehen und mit dem Kayak durch das Eismeer zu paddeln und den Eisbergen noch dichter auf die Pelle zu rücken. Dann heißt es Abschied zu nehmen von Ilulissat, Grönland, den Walen, Schlittenhunden und unzähligen Eisbergen, die wir bei unserem Abflug aus Ilulissat noch einmal spektakulär überfliegen. Und zu guter letzt begrüßt uns schon fast auf familiäre Art und Weise, die gleiche Stewardess, die uns bereits auf dem Hinweg von Reykjavík nach Grönland geflogen hat - man kennt sich.