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    #07 - Japan: An der Schnittstelle von Tradition und Hypermoderne

    Lange hat sich diese Inselgruppe im Pazifik von der restlichen Welt abgeschottet – in Japan ist dadurch eine ganz eigene Kultur entstanden – zwischen Hightech, Megalopolis und Shinto-Mystik.
Wir dachten, uns würden Menschenmassen in Tokyo erwarten, doch selbst in der 25 Millionen Metropole Japans ist es an einem Sonntag vergleichsweise ruhig – es gelingt uns doch tatsächlich in Shinjuku, der größten und wahrscheinlich auch mit Abstand unübersichtlichsten Bahnstation des ganzen Landes, wenn nicht gar des ganzen Planeten, sofort den richtigen Ausgang zu finden. Wir beziehen unsere kleine Wohnung in diesem Bezirk, der eine Mischung aus Business, Rotlicht, Shopping und Ausgehviertel ist, wobei – eigentlich findet sich diese Mischung an sehr vielen Orten in Tokyo wieder.






Sieben Tage Tokyo – wie verbringt man diese Zeit, wenn man bereits nach kurzer Recherche weiß, dass eigentlich drei Wochen allein ausreichend wären, um sich einen ersten Überblick über diesen Betondschungel zu verschaffen? Wir entscheiden uns für die klassische Methode: ein Stadtviertel pro Tag.
 
Shinjuku schauen wir uns am ersten Tag zunächst einmal von oben an – vom Tokyoter Rathaus, einem etwa 40-stöckigen Wolkenkratzer, bekommt man einen ersten Eindruck von den unvorstellbaren Ausmaßen dieser Stadt: Beton, Stahl und Glas so weit das Auge reicht, ein Ende der Stadt ist nicht zu erahnen. Am Abend erwacht Shinjuku jenseits des Bahnhofs zum Leben - in Kabukicho, dem Rotlichtviertel und den umstehenden Bezirken drängen sich die Massen zur Party, zum Essen, zur Karaoke oder zum gepflegten Slot-Machine spielen. Das Essen kann man sich übrigens in vielen Restaurants direkt an einem Automaten bestellen und bezahlen. Während man sich erst ein wenig wundert, ob die Japaner so unnötigen Menschenkontakt vermeiden wollen, lernt man diese etwas seltsame Form der Restaurantbestellung schnell zu schätzen: Für Sprachunkundige ist die Auswahl von Bildchen und der Einwurf von Münzen ein absoluter Segen und garantiert schnelle und stressfreie Sättigung.


Und natürlich machen wir unsere ersten Erfahrungen mit den großartigen Menschen dieses Landes: Japanerinnen und Japaner stellen sich gerne an – das kennt man ja schon aus Nordeuropa: „Oh, da ist eine Schlange, lass uns dazustellen, da muss es etwas Feines geben“; Englisch ist nicht so sehr verbreitet, das führt zu absurden, wie auch witzigen Situationen: beim Einkaufen oder im Restaurant etwa kann man nur freundlich lächeln, sein Gegenüber allerdings überschüttet einen mit feinstem Japanisch – man freut sich, lächelt und verabschiedet sich mit einem „Arigato“ – und hat kein Wort verstanden.
Wenn etwas in Japan gilt, dann: Safety First! Es ist sehr amüsant, wo überall freundliche Menschen stehen, sitzen oder fahren und den Weg weisen, Hallo! sagen oder einen davon abhalten, etwas zu tun. Regeln scheint es in diesem Land ebenso viele zu geben wie in Deutschland, vielleicht sogar noch mehr. Über ein Rätsel sind wir während unseres Aufenthaltes übrigens gestolpert: Es bleibt völlig unklar, was mit den Massen an Müll geschieht, die der Durchschnittsjapaner (und Durchschnittstourist) täglich so produziert: Jeder Einkauf wird getrennt nach Art noch einmal eingewickelt, zugeklebt und gegebenenfalls mit Wegwerfeistütchen versehen und in Plastikbeutel verpackt, die anschließend in eine Tüte gelegt werden. Wenn man selbst anschließend versucht, seinen Müll loszuwerden lernt man schnell: Abfalleimer sind eine schützenswerte Rarität in diesem Land. Daher haben wir unseren Müll zeitweise stundenlang durch die Gegend gefahren und dann in einen Eimer geworfen, der eigentlich – Achtung Regelkonformität – ausschließlich für PET-Flaschen vorgesehen war – das führt natürlich zu bösen Blicken. Was die Japaner stattdessen mit ihrem Müll machen, haben wir nicht herausgefunden, in der Stadt bleibt davon in jedem Fall nichts zurück.






Die nächsten Tage schauen wir uns Shibuya an: Hochhäuser, Shoppinghölle, Leuchtschriftparadies und die berühmte Kreuzung, bei der alle Fußgänger auf einmal grün bekommen und sich gefühlt 10.000 Menschen auf einmal über die Straße wälzen. Witzigerweise braucht man sich nur drei Minuten von diesem Menschenwahnsinn wegbewegen und man steht in einer kleinen Gasse, in der sich Kneipe an Kneipe reiht, in die jeweils nur fünf Menschen passen – und das ist Japan: ein Land der Gegensätze, gerade noch Glitzer und BlingBling, wartet um die Ecke bereits ein uralter Tempel und Räucherstäbchenaroma und zeigt das andere, traditionelle Japan.
  • Zwischenseite Fischmarkt

    Exemplarisch für diesen Gegensatz steht der Tsukiji Fischmarkt

    Wir stehen um 3:00 Uhr morgens auf und fahren mit dem Uber zum Hafen. Der größte Fischmarkt der Welt liegt direkt neben den Wolkenkratzern der globalen Business-Elite. Auf einem riesigen Areal kann man annähernd jedes Geschöpf des Meeres käuflich erwerben – tot, lebendig oder bereits mundgerecht verpackt.
Wir kommen gegen vier dort an und haben Glück noch eine der begehrten Warnwesten zu ergattern, die unser Eintrittsticket für die Auktion der Thunfische darstellt. Nach einer 1 ½ - stündigen Wartezeit schlängeln wir uns in die Auktionshalle, in der die gefrosteten Tiere einzeln unter den Hammer kommen. Dabei hat man als jemand, der des Japanischen nicht mächtig ist, den Eindruck, der Auktionator würde einen Gesang anstimmen – sehr beeindruckend.


Wir verlassen Tokyo mit dem Shinkansen, diesen aberwitzig aussehenden und unglaublich schnellen Zügen, gen Osten, nach Hiroshima. An dem Ort, an dem die Menschheit das erste Mal ihre eigene Auslöschung erprobt hat, steht heute eine moderne japanische Großstadt.

Was nach dem Krieg kommt

 
Im Zentrum der Explosion hat man in den 50er Jahren einen weitläufigen Park angelegt, in dem ein Museum im museumspädagogischen Stil der 70er über den Abwurf der Atombombe zwar beeindruckend, politisch leider eher unzureichend informiert. Am zweiten Tag unseres Hiroshima-Aufenthalts fahren wir nach Miyajima, einer kleinen Insel, die mit einem hübschen Weltkulturerbe aufwartet: ein riesiges Torii, ein Tor zu einem Shinto-Tempel, das bei Flut komplett im Wasser steht und dadurch über dem Meer zu schweben scheint.


Da uns der Japan Rail Pass ermöglicht, zwei Wochen kreuz und quer mit dem Zug durchs Land zu düsen, besteigen wir sogleich wieder den Shinkansen und verlassen Honshu, die Hauptinsel Japans. Unser Ziel ist Nagasaki auf Kyushu, die Stadt, die ebenso wie Hiroshima, durch den Abwurf der zweiten Atombombe berühmt und gleichzeitig zum weltweiten Mahnmal wurde.
  • Zwischenseite Japan Hashima

    Hashima sieht aus wie das Ende der Welt

    Im Laufe der Jahrzehnte stieg mit dem Fördervolumen von Kohle auch die Bevölkerung auf diesem kleinen Eiland: am Ende wohnten auf der 480x160m großen Insel über 5.000 Menschen – Ende der 50er Jahre war sie der am dichtesten besiedelte Ort der Welt. Dank ihrer Bebauung gleicht die Insel einem Kriegsschiff und trägt daher auch den Namen Battleship Island.
Der Shinkansen ist so schnell, dass wir uns sehr spontan für unsere nächsten Ziele entscheiden: 700 km sind schnell überwunden, wenn der Zug 270 km/h fährt. Daher geht’s nach Okayama, nicht der Stadt wegen, sondern unser Ziel ist Naoshima, eine nahe gelegene Insel, auf der sich einige fantastische Museen befinden, die neben ihrer Kunst vor allem durch ihre einmalige, an die umliegende Landschaft, angepasste Architektur beeindrucken.
Von dort geht es weiter gen Osten nach Nagoya, einer weiteren japanischen Millionenstadt, die für uns Ausgangspunkt einer kleinen aber feinen Wanderung durch das Kiso Valley ist, von Magome nach Tsumago, zwei kleine, in den japanischen Alpen gelegene Örtchen, die sich im hypermodernen Japan ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben.
Der Shinkansen bringt uns vom Kiso Valley nach Osaka, wo es zum nächsten Weltkulturerbe geht – Japan ist damit wirklich gesegnet. Koyasan, ein religiöser Ort in einer verwunschenen Welt: Tempel, Schreine und Steingräber soweit das Auge reicht und eine mystische Stimmung, die wir auf unserer Reise so noch an keinem anderen Ort gespürt haben.

Ein Wochenende in den Bergen

 
Und dann ist es endlich soweit: lange haben wir die Wetterentwicklung verfolgt, nun konnte es endlich zum Mt. Fuji gehen, der sich nämlich vor allem im Sommer die meiste Zeit in Wolken hüllt. Nach langer Anfahrt und vielem Umsteigen kommen wir am Abend in Kawaguchiko am Fuße des Berges an und wir können ihn tatsächlich sehen - keine Wolke versperrt uns den Blick auf dieses japanische Wahrzeichen. Die Ausstrahlung des Berges ist vor allem seiner annähernd perfekten Kegelform zu verdanken, die diesen erloschenen Vulkan zu einem echten Hingucker macht. Wir beziehen für zwei Nächte unsere erste traditionelle japanische Ryokan-Unterkunft und machen uns anschließend auf gen Nara, einer kleinen Stadt, die uns bereits auf Kyoto, mit seinen unzähligen Tempeln und Schreinen, einstimmt.
Kyoto, ehemalige Hauptstadt Japans, ist heute aber vermutlich Tourismus-Hauptstadt des Landes. Denn wenn man in Japan, abgesehen von Schreinen und Tempeln, noch historische Bausubstanz bestaunen möchte, dann in Kyoto. Anlässlich unseres Aufenthaltes hat sich Japan entschieden, uns mit Gion Matsuri zu empfangen, einem der größten Festivals des Landes und gleichzeitig vermutlich auch der Grund dafür, weswegen Kyoto vor Touristenmassen zu bersten droht. Doch auch mit der Meute ist Kyoto eine echte Perle. Die Stadt verlassen wir diesmal mit dem Bus und machen uns auf den Weg zu unserem nächsten großen Kontrast: Aus den dichtbesiedelten Millionenstädten Japans folgen wir dem Ruf der Wildnis und es geht mit dem Flieger nach Anchorage, Alaska – einem der menschenleersten Flecken der Welt.

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